Beten

Diese Texte und Gedanken sind Schwerpunktthema-Beiträge aus dem Martinsboten 2-2018.

 

Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.

Viele von uns sind sicherlich mit diesem Kindergebet groß geworden. Aber vielleicht nicht immer glücklich. Obwohl es so schön kurz ist und sich noch dazu reimt, bringe ich dieses Gebet Kindern heute nicht mehr bei. Es ist nämlich gar kein Kindergebet, sondern eines, das davon erzählt, wie Erwachsene sich Kinder wünschen. Kein Kind, das bereits sprechen kann, würde freiwillig von sich sagen: „Ich bin klein!“ – „Hallo! Babys sind klein, ich bin schon ganz groß!“

Und wer immer das mit dem „reinen Herzen“ ins Gebet gebracht hat, hat scheinbar wenig praktische Erfahrung mit Kindern. Nur Jesus soll im Herzen von Kindern wohnen? Und was ist mit Mama und Papa, mit Oma und Opa und dem besten Kumpel, der besten Freundin?

Mit Kindern beten heißt, sich auf das einzulassen, was sie bewegt, auf ihre Ängste und Befürchtungen, auf ihre Wünsche und Träume. Die Gebete müssen zu ihnen passen, wenn sie nicht einfach nur daher geplappert werden sollen. Denn beten heißt, das was mich bewegt, vor Gott zu bringen.

Das kann ich in einem freien Gebet mit meinen eigenen Worten tun. Damit tun sich viele Menschen schwer. Bei Jugendlichen im Konfirmandenunterricht, wenn wir den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten, ist das immer ein schwieriger Punkt. In diesem Jahr habe ich sie einfach mal aufschreiben lassen: Was ich Gott schon immer mal fragen oder sagen wollte … Und plötzlich sprudelte es. Ja, genau das will Gebet, mit Gott ins Gespräch kommen! Und das kann jeder auf seine ganz eigene Weise.

Trotzdem will ich Ihnen meine persönlichen Lieblingsgebete nicht unterschlagen.

Ich finde ja: das Vaterunser passt immer. In ihm fühle ich mich geborgen und aufgehoben, auch, weil ich weiß, dass dieses Gebet in allen christlichen Kirchen eine zentrale Stellung einnimmt und von vielen mitgebetet wird.

Und hier noch ein Tipp für alle auf der Suche nach einem fertig formulierten Gebet: schauen Sie mal ins Gesangbuch! Ab der

Gott, vollende, was du angefangen hast. Befreie, was gebunden ist. Verbinde, was zerrissen ist. Sättige den Hungernden. Mache froh den Traurigen. Heile den Kranken. Beschütze den Fremden. Öffne mein Herz. cw

Nummer 813 (Das Vaterunser) findet sich dort eine reiche Auswahl an Gebeten für die verschiedensten Anlässe. Ein Tischgebet anlässlich einer Familienfeier? Lässt sich dort problemlos finden! Gebete zur Nacht oder zum Morgen? Schauen Sie einfach mal nach.

Das folgende Gebet findet sich dort allerdings leider nicht. Es wird dem berühmten englischen Staatsmann und Philosoph Thomas Morus, der von 1477 bis 1535 in London lebte, zugeschrieben:

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr,

und auch etwas zum Verdauen.

Schenke mir Gesundheit des Leibes

mit dem nötigen Sinn dafür,

ihn möglichst gut zu erhalten.

Schenke mir eine heilige Seele, Herr,

die im Auge behält, was gut und rein ist,

damit sie sich nicht einschüchtern lässt vom Bösen,

sondern Mittel findet, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist,

die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen,

und lasse nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache

um dieses sich breit machende Etwas, das sich ‚Ich‘ nennt.

Herr, schenke mir Sinn für Humor.

Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen,

damit ich ein wenig Glück kenne im Leben

und anderen davon mitteile.

Betende Haende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schön finde ich auch das Gebet einer Nonne aus dem 17. Jahrhundert:

Herr, du weißt besser als ich selbst,

dass ich älter werde und eines Tages alt bin.

Bewahre mich vor der unheilvollen Angewohnheit, zu meinen,

ich müsse zu allem etwas sagen und das bei jeder Gelegenheit.

Befreie mich von dem Verlangen,

jedermanns Angelegenheit in Ordnung bringen zu wollen.

Mache mich bedachtsam und nicht schwermütig,

hilfsbereit, jedoch nicht herrschsüchtig.

Angesichts meines unermesslichen Vorrates an Lebenserfahrung

erscheint es bedauerlich,

nicht alles zu nützen,

aber du weißt, Herr, dass ich ein paar Freunde haben möchte am Ende.

Bewahre mich davor, endlose Einzelheiten aufzuzählen;

verleihe mir Flügel zur Hauptsache zu kommen.

Versiegle meine Lippen, was meine Schmerzen und Leiden anbelangt.

Sie nehmen zu, und die Lust daran, sie aufzuzählen,

wird wohltuender mit den Jahren.

 Um soviel Gnade zu bitten,

dass ich an den Erzählungen über die Schmerzen anderer Gefallen finden    könnte, wage ich nicht. Hilf mir jedoch, sie in Geduld zu ertragen.

Ich wage es nicht, ein besseres Gedächtnis zu erbitten,

wohl aber zunehmende Bescheidenheit und abnehmende Selbstsicherheit,

wenn meine Erinnerung mit den Erinnerungen anderer

in Widerspruch zu stehen scheint.

Führe mich zu der großartigen Erkenntnis,

dass ich mich gelegentlich auch irren könnte.

Trage Sorge dafür, dass ich einigermaßen liebenswürdig bin;

ich möchte keine Heilige sein –

mit manchen von ihnen ist es so schwer zu leben -,

aber eine sauertöpfische, alte Person

ist eines der hervorragenden Werke des Teufels.

Schenke mir die Fähigkeit, Gutes zu entdecken

an Orten, an denen ich es nicht erwarte

und Begabungen in Menschen, denen ich sie nicht zutraue.

Und gib mir, oh Herr, die Gnade es ihnen auch zu sagen. Amen.

 

Das folgende kurze Gebet, auch einer meine Favoriten, steht im Gesangbuch (Nummer 822):

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Amen.

Pastorin S. Franz

 

 

 

Monatsspruch Mai 2008 Ich will nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand. 1. Korinther 14,15 Grafik: Reichert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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